Regeln und Normen in der Fügetechnik

Was hat es mit den Regeln und Normen in der Fügetechnik auf sich?

Regeln und Normen haben ganz klare Aufgaben. Während Regeln Vorgaben und Anforderungen definieren, sorgen Normen für einheitliche Standards. Nun gibt es aber sicherlich einige, die die teils umfassenden Regelwerke für übertrieben und teils sogar für überflüssig halten. Allerdings können sich Regeln und Normen auch als überaus hilfreich erweisen. Dies lässt sich am Beispiel von Steckdosen anschaulich erläutern.

Was hat es mit den Regeln und Normen in der Fügetechnik auf sich

Wer sein Handy, seinen Laptop, seinen Föhn oder seinen Wasserkocher mit auf Reisen nimmt, wird innerhalb Deutschlands auf keine größeren Probleme stoßen.

Befindet er sich jedoch im Ausland, wird er seine Geräte nicht nutzen können, wenn er den entsprechenden Steckdosenadapter nicht ebenfalls im Gepäck hat.

Regeln und Normen wirken solchen Szenarien entgegen, denn sie schaffen eine einheitliche Grundlage für Praxis und Theorie. Deshalb sind Regelwerke auch praktisch überall zu finden, ob als Rechtschreib- und Grammatikregeln für die Sprache, als Gesetze und Verordnungen für das gesellschaftliche Miteinander oder eben als Richtlinien in der Fügetechnik.

Was hat es nun mit den Regeln und Normen in der Fügetechnik auf sich?

Das Regelwerk in der Fügetechnik lässt sich in mehrere Komponenten aufteilen. Da wären zum einen die Merkblätter der nationalen und internationalen Schweißverbände.

Merkblätter verstehen sich in erster Linie als Handlungsempfehlungen, die auf Erkenntnissen aus der Forschung und auf Erfahrungen aus dem betrieblichen Alltag beruhen.

Zum anderen gibt es die Richtlinien, die ebenfalls von Experten aus Theorie und Praxis erarbeitet werden. Verglichen mit Merkblättern sind Richtlinien verbindlicher, weshalb Richtlinien auch zunächst als sogenannte Gelbdrucke veröffentlicht werden.

Gelbdruck bedeutet, dass die Empfehlungen auf gelbem Papier gedruckt sind. Solange ein Gelbdruck vorliegt, sind Anmerkungen, Ergänzungen und auch Einsprüche möglich.

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Sind die Fristen abgelaufen, wird die Richtlinie in ihrer endgültigen und verbindlichen Fassung dann auf weißem Papier gedruckt. In den meisten Fällen sind die Handlungs- und Regelungsempfehlungen, die die Schweißverbände im Rahmen der Merkblätter und Richtlinien formulieren, aus rechtlicher Sicht nicht bindend.

Sie bilden zwar häufig die Grundlage für die Abläufe im Alltagsbetrieb und genießen insgesamt hohes Ansehen, den Status einer gesetzlichen Vorschrift haben sie aber nicht.

Als dritte Komponente umfasst das Regelwerk in der Fügetechnik nationale, europäische und internationale Normen. In Deutschland ist das Deutsche Institut für Normung, kurz DIN, für Normen zuständig.

Auf europäischer Ebene übernimmt diese Aufgabe das CEN, auf internationaler Ebene die ISO. Vor allem Unternehmen, die über die Landesgrenzen hinaus tätig sind, orientieren sich vielfach eher an internationalen Normen als an den Merkblättern und Richtlinien der Schweißverbände.

Dies ist auch durchaus nachvollziehbar, denn eine Norm legt die Regeln, Leitlinien oder Merkmale für eine Tätigkeit und deren Ergebnis fest.

Dadurch ist gewährleistet, dass beispielsweise ein Blatt im Format DIN A4 immer exakt die gleiche Größe hat oder eine genormte EC-Karte in jeden Geldautomat weltweit passt.

In der Fügetechnik geben Normen unter anderem vor, wie geschweißte Verbindungen beschaffen sein und überprüft werden sollten, welche Werkstoffe in welcher Form geschweißt werden können oder auch wie die Ausbildung von schweißtechnischem Fachpersonal gestaltet sein sollte.

Im Unterschied zu Gesetzen und Verordnungen ist es grundsätzlich nicht pauschal vorgeschrieben, dass Normen eingehalten werden müssen.

Allerdings wird das Einhalten oft stillschweigend vorausgesetzt und das Nichteinhalten kann unter Umständen zu Konflikten mit dem Gesetzgeber führen.

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Gibt es auch Regeln und Normen für die schweißtechnische Ausbildung?

Wenn es um Regeln und Normen im Bereich der Fügetechnik geht, müssen nicht nur die einzelnen Komponenten des Regelwerks, sondern auch die Inhalte voneinander unterschieden werden.

Im technischen Bereich regeln Richtlinien und Normen Anwendungen und Handlungen, schaffen eine Orientierungsgrundlage im Hinblick auf Werkstoffe und Verfahren und stellen einen einheitlichen Sprachgebrauch sicher.

Geht es um die Aus- und Weiterbildung in der Fügetechnik, sind Normen momentan noch nicht ganz so verbreitet. Eine Ausnahme bilden hier lediglich die Normen für die internationale Schweißerausbildung und die Prüfung zum internationalen Schweißer, die europaweit gelten.

Aber auch in anderen Bereichen der Aus- und Weiterbildung sind Normen spürbar auf dem Vormarsch.

Hintergrund hierfür ist, dass vor allem die Industrie zunehmend Qualifikationen erwartet, die weltweit auf einem Niveau und miteinander vergleichbar sind.

Bislang ist es so, dass prinzipiell jeder fügetechnische Prüfungen abnehmen kann. Ein Prüfsiegel irgendeiner Organisation sagt jedoch nicht viel über die Qualität der jeweiligen Ausbildung des Schweißers aus.

Aus diesem Grund gehen die Bemühungen dahin, verbindliche Normen zu erarbeiten, die sowohl die Inhalte einer fügetechnischen Ausbildung als auch die Prüfungsabläufe regeln.

Wie aktuell sind die Regeln und Normen überhaupt?

Bevor Merkblätter, Richtlinien und Normen verabschiedet werden, setzen sich Experten aus den Bereichen Forschung, Technik und Bildung, aber auch aus der Praxis zusammen.

Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit stellt sicher, dass die Handlungsempfehlungen sowohl Erkenntnisse aus der Forschung als auch aus dem Betriebsalltag berücksichtigen und den neuesten Stand widerspiegeln.

Die Fügetechnik in all ihren Facetten entwickelt sich jedoch permanent weiter.

Aus diesem Grund bleiben einmal erarbeitete Regeln und Normen nicht unbegrenzt gültig, sondern werden regelmäßig auf ihre Aktualität überprüft und bei Bedarf entsprechend abgeändert oder durch neue Richtlinien ersetzt.

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Welche Normen sind in der Praxis besonders relevant?

Damit aus „allgemeinen“ Empfehlungen belastbare Ergebnisse werden, greift die Praxis auf konkrete Normen zurück – oft in Kombination:

  • EN ISO 3834: Regelt Qualitätsanforderungen fürs Schmelzschweißen metallischer Werkstoffe – von Personal über Verfahren bis Dokumentation.
  • EN 1090 (Teile -2/-3): Ausführung von Stahl- und Aluminiumtragwerken; Voraussetzung für CE-Kennzeichnung inkl. Leistungserklärung.
  • EN ISO 9606 / EN ISO 14732: Schweißer- bzw. Bedienerqualifikation – wer darf was schweißen und unter welchen Geltungsbereichen?
  • EN ISO 15614: Verfahrensprüfung (WPQR) – qualifiziert das Verfahren, auf dessen Basis die WPS (Schweißanweisung) freigegeben wird.
  • EN ISO 14731: Schweißaufsicht – Aufgaben/Verantwortung (Planung, Überwachung, Freigabe, Abweichungsmanagement).
  • EN ISO 5817: Bewertungsgruppen B/C/D für Unregelmäßigkeiten; legt fest, wann eine Naht als „akzeptiert“ gilt.

Warum ist das wichtig? Weil Einkauf, Fertigung, Prüfung und Bauabnahme damit die gleiche Sprache sprechen – und Streitfälle seltener werden.

Wie greifen Regeln, Richtlinien und Normen im Tagesgeschäft ineinander?

Denke an eine Prozesskette:

  1. Planung: Auswahl des Verfahrens, Werkstoffe, Zusatzwerkstoffe, Nahtvorbereitung.
  2. Qualifizierung: WPQR nach EN ISO 15614 → darauf basierend WPS (anwendungsfertig).
  3. Personal: Schweißerprüfung nach EN ISO 9606, Geltungsbereiche überwachen.
  4. Ausführung: Fertigung nach WPS; Schweißaufsicht steuert und dokumentiert (EN ISO 14731).
  5. Prüfung (ZfP): VT/PT/MT/UT/RT entsprechend Prüfplan; Abnahme gegen EN ISO 5817.
  6. Nachweisführung: Dossier mit WPQR, WPS, Prüfprotokollen, Werkerlisten, Kalibrierungen – Grundlage für CE/Abnahme/Audit.

Kurz gesagt: Richtlinien helfen bei der Umsetzung, Normen liefern die harten Kriterien – und Unternehmensregeln sorgen dafür, dass alles jeden Tag funktioniert.

Prozesskette Fügetechnik

Rollen & Qualifikationen: Wer trägt welche Verantwortung?

Die Schweißaufsicht (z. B. IWS/IWT/IWE) stellt sicher, dass Verfahren, Personal, Ausrüstung und Prüfungen den Vorgaben entsprechen.

Ihre Rolle ist kein „Nice-to-have“, sondern der rote Faden zwischen Zeichnung, WPS, Fertigung und Abnahme – mit Unterschrift unter den Nachweisen.

Qualitätssicherung & Prüfung: Wie wird „Güte“ messbar?

  • Sichtprüfung (VT) zuerst – sie verhindert teure Nacharbeit.
  • Eindringprüfung (PT) und Magnetpulverprüfung (MT) für Oberflächenfehler.
  • Ultraschall (UT) und Röntgen (RT) für innere Fehler.
  • Bewertung nach EN ISO 5817: Die geforderte Qualitätsstufe (B/C/D) richtet sich nach Beanspruchung, Branche und Vertrag.
    Ergebnis: Akzeptanz wird objektiv – nicht „Geschmackssache“.

Recht & Markt: „Freiwillig“ wird schnell verbindlich

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Im Gesetz steht selten „Du musst Norm X anwenden“. Aber: CE-Kennzeichnung (z. B. EN 1090), Produkthaftung, Ausschreibungen und Kundenanforderungen setzen das Einhalten de facto voraus.

Wer sauber nach Norm arbeitet, senkt Haftungsrisiken, beschleunigt Abnahmen – und gewinnt Vergaben.

International arbeiten – ohne Übersetzungsfehler

Global agierende Betriebe orientieren sich an ISO-Normen. Abweichende Branchenwerke (z. B. AWS) können projektspezifisch gelten.

Tipp: Vertraglich präzisieren, welche Normen maßgeblich sind – inklusive Ausgabe/Änderungsstand.

Aktuelle Entwicklungen & Update-Strategie im Betrieb

Normen ändern sich. Deshalb lohnt sich ein Änderungsdienst:

  • Verantwortlichkeit benennen, Änderungen prüfen, WPS/Prüfpläne aktualisieren, Mitarbeitende schulen.

Compliance in Schweißprozessen

Compliance-Kurzcheck (10 Punkte)

  1. Geltende Normen/Regelwerke vertraglich klären (inkl. Ausgabe).
  2. WPQR vorhanden und aktuell?
  3. WPS freigegeben und am Arbeitsplatz verfügbar?
  4. Schweißerqualifikationen gültig (Geltungsbereiche, Fristen)?
  5. Schweißaufsicht benannt, Aufgaben dokumentiert (EN ISO 14731)?
  6. Prüfplan inkl. Akzeptanzkriterien (EN ISO 5817) festgelegt?
  7. Kalibrierungen / Prüfmittel nachweisbar?
  8. Material- & Zusatzwerkstoff-Rückverfolgbarkeit gesichert?
  9. Abweichungen/Änderungen gelenkt und dokumentiert?
  10. CE/Abnahme: Dossier vollständig (Nachweise, Protokolle, DoP falls relevant)?

Häufige Missverständnisse – kurz erklärt

  • „Normen sind optional.“ – Juristisch oft korrekt, praktisch aber selten. Auftraggeber, Abnahme, Markt & Haftung schaffen Faktizität.
  • „Eine Schweißerprüfung reicht.“ – Ohne WPQR/WPS/Prüfplan fehlt der Prozess-Nachweis.
  • „ZfP macht man am Ende.“ – Besser prüfend mitproduzieren: Erst VT, dann ggf. PT/MT/UT/RT, um Schleifen zu vermeiden.

Mini-Glossar

  • WPS – Schweißanweisung; anwendungsreife Vorgabe für die Ausführung.
  • WPQR – Verfahrensprüfung; qualifiziert das WPS-Verfahren.
  • ZfP/NDT – zerstörungsfreie Prüfungen (PT/MT/UT/RT, VT).
  • Bewertungsgruppen B/C/D – Akzeptanzstufen nach EN ISO 5817.
  • Schweißaufsicht – fachlich Verantwortliche gemäß EN ISO 14731.

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Rudolf Bozart, - Schweißfachingenieur, Gerd Meinken - Schweißwerkmeister, Thorsten Kamps, Schweißer, Coautor und Buchautor und Christian Gülcan Unternehmer und Betreiber der Webseite, 2 Jahre Vertrieb von Dienstleistungen in Mechanik- und Mettallbearbeitung, schreiben hier alles Wissenswerte zu Schweißtechniken und Schweißverfahren, geben Tipps und Anleitungen zu Berufen, Schweißgeräten, Materialkunde und Weiterbildung.

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